Gewerkschaft



Revolutionäre Umsturzpläne waren unter Gewerkschaftsmitgliedern praktisch nicht zu finden. Und wenn jeder StB wird, dann gibt es auch keine SteuFa mehr. Was das Problem überhaupt betrifft, müsse abgewartet werden, ob sich weiterer Tiere infizieren.

Der Beruf – als Berufung oder Mittel zum Zweck


Vom experimentellen Prosagedicht bis zum guten, alten Endreim scheint für jeden Geschmack etwas dabei zu sein. Das ist nicht ansatzweise so abwertend gemeint wie es möglicherweise klingt. Welcher Art von lyrischer Prophezeiung man auch seinen Glauben schenken will, Jackson zeigt die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen auf. Die griechischen Götter und Giganten waren die Superhelden der Antike. Wie ein monumentaler 3D-Comic erzählt der berühmte Pergamonfries ihre Geschichten.

In Marmor gebannte Energie. Defragmentierung der alten Platten. Pulsierende Reappropriation statt Antikenkitsch. Zu den Clips online geht es hier , eine Leseprobe findet sich hier. Falkner will die Konfrontation mit den Idealen vergangener Kunstepochen nicht ironisierend abfedern, sondern die Widersprüche gestalten.

Diesen hochgesteckten Anspruch löst Falkner ein, wenn er lyrisches Pathos, manipulierte Idiome und IT- oder Werbejargon kollidieren lässt. Dazu gehört auch der Mut zu sagen: Warum haben wir nun für die erste umfassende deutsche Ausgabe der Gedichte von Michael Palmer den Titel Gegenschein gewählt?

Es meint den schwachen Schimmer, der durch die Anstrahlung kosmischen Staubs entsteht und in Opposition zur Sonne in dunklen Nächten und fernab aller künstlichen Lichtquellen zu beobachten ist.

Alexander von Humboldt hat den Begriff in dieser Weise geprägt. Er bezeichnet im Deutschen auch einfach die Oppositionsstellung zur Sonne.

Der Übersetzer mag es auf seine Arbeit gegenüber dem Original beziehen. Bei Palmer klingt es an seine Vorstellung von der counter-tradition an in der er sich sieht , und bei Celan gibt es Gegenwort und Gegenlicht. In Gegenschein sind vielleicht die vielfältigen Brechungen und Oszillationen angesprochen, die im Werk von Michael Palmer aufschimmern. Ein wesentliches Paradox dieses Werkes ist es, dass es gerade vermittels seiner vielen Anleihen völlig originär und einzigartig wirkt, dass sich seine vielen Mosaiksteine und Partikeln zu einer neuen unvergleichlichen Sprachmusik fügen, die absolut nichts Epigonales hat oder als Pastiche erscheint.

Der Abglanz wird so zu einem ganz eigenen Leuchten, zu dessen Wahrnehmung verfeinerte Instrumente vonnöten sind. Kosmischer Staub, der auf den Flügeln von Nachtfaltern wiedererscheint. Durch diese Texte werden wir in subtile Welten entführt und erfahren das Glück einer andauernden leichten Erschütterung, sowohl im Sprachlichen als auch im Körperlichen.

Genug ist genug ist genug von. Komisch dass deine Hand sich warm anfühlt Schnee fällt sorgsam. Komisch dass die Seite genau zerrissen wurde wo der Schnee anfing. Es gab nie sehr viel. Es gibt mehr weniger als es gab. Heute ist es 84, 74 und 12 und hell und dunkel.

Wir sind nirgendwo sonst. Sein Lächeln fiel auf eine Seite. Hier und da war es sehr hell und dunkel. Das Buch gegen Verstehen. Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Das erste Buch von Dagmara Kraus! Sie schillern und stieben, oszillieren zwischen Sprechweisen, staffeln und streuen Bedeutung; sie sind existenziell, verspielt, polyglott und voller prosodischem Eigensinn.

Ehrlich, so haben wir das noch nie gelesen. Aber die Lawine bleibt ja. Die Bedrohung geht nicht weg. Ich glaube, Dagmara Kraus muss so leise sprechen, wie sie spricht, um neben dem ganzen Glanz die Lawinen aushalten zu können. Deshalb ist sie Dagmara Kraus und nicht Dagmar Krause. Sie schreit nichts heraus, sie spricht ganz leise, und trägt trotzdem alle Lawinen in sich. Die Lawinen sind nur einen Buchstaben weit entfernt. Im ursprünglichen Wortsinn des Protokolls gibt es einen klebrigen Kern: Ein zusammengeleimtes Buch ist gemeint oder, spezieller: Das steht am Anfang des Buches, wird ihm aber zuletzt eingeklebt.

Es gibt die Klebrigkeit der inneren Fixierung, die auf immer wieder erneutes Durchdenken dringt, und es gibt den unvergesslichen Honig an den Schuhen, in der Tasche, an den Fingern, der an den unachtsamen Moment seines Verschüttens erinnert. Auch dies kann als ein Protokoll gesehen, wenn auch nicht gelesen werden. Oder nehmen wir den Körper als Protokoll unseres Lebens, für den Verlauf der Zeit, dem wir unterliegen.

Nehmen wir den Honig als Protokoll des Bienenflugs und als Auskunft über die von ihnen gerade noch erreichbaren Blüten. Die Honigprotokolle sind beinahe quadratisch und ineinander verfugt wie Kacheln. Sie bilden ein Raster, das ihre Ordnung offenbart. Sinne, Affekte, Materialien oder eine Angst, die gestern noch in die Zukunft ging.

Auch davon berichtet das Protokoll. Es wendet sich an Konzepte, die es nicht abstreifen kann: Die Arbeitsteilung erfolgt via Reizschwellen, die eine Folge der Vielfachpaarung sind. So wird eine hohe Bandbreite von Empfindlichkeiten garantiert. Und wahr reden sie. ION Doch es ist wie beim Bienentanz: Am Ende wird nur noch für die beste Höhle getanzt. Manche Sätze würde man am liebsten auswendig lernen: Innerhalb des einzelnen Texts suchen die beiden menschlichen Hälften einander häufig in Form einer semantischen Rahmenstruktur, die ein zu Beginn gesetztes Thema verändert wieder aufnimmt.

Häufig erinnert die Lautstruktur an gleichsam umarmende Binnenreime, eine in dieser Art innerhalb prosanaher, dezent rhythmisierter Langzeilen überraschend neu wirkende Technik Das Hier und Jetzt und das Gestern. Das ganze Leben, oder besser: Die brauchbare und, ja, die unbrauchbare Sprache, denn eine muss es doch sagen: Viele Anspielungen werden einem entgehen. Ein wiederkehrendes Thema des Bandes ist denn auch die Liebe, und zwar in individueller wie in kollektiver Hinsicht.

Es ist ein zweifelndes, bisweilen verzweifeltes, vor allem ein weibliches Ich, das hier spricht: Es ist schon spät, es wird schon kalt. Vielleicht sollte man sagen: Monika Rinck summt sich durch das Dickicht der Liebesgefühle, nervös, aber willig der Schönheit. Und tatsächlich stehen dann wunderschöne Gedichte neben todtraurigen.

So weint einmal die verlassene Geliebte allein und sucht Trost bei ihrem alten Stofftier, ach, wenn es trösten könnte! Schläuche, Keilriemen, zuckige Teile. Es stürzten die Nadeln, Pfeile, zierlich und keck, fast ohne Kontrolle. Oder Sonja mit der Silberbüchse? Untertriebig hebt die Nase von der Fährte ein gefällter Oktaeder. Ach, verschonet doch die Wälder, statt sie mit Kaputtem vollzustellen. Denn dieser alte Zuber flutet zeitig die Genüsse. Soeben noch munter, in zärtlicher Vereinigung mit den Resten des Blechdachs Schuppen!

Es hatte ein federndes Deck, worauf sie lagerten, drei Masten, und ja, die Masten lüpften und kippten das Ding über die Ecken, und nein, die beiden gingen nicht über Bord. Als Erstes sah ich das alles von unten, da war ich Alge. Dann sah ich es schraffiert von der Seite, da war ich Schilf. Später, als ich Himmel war, sah ich die beiden von oben. Sie segelten stochernd und zügig, schienen ein Thema zu haben. Dann aber sah ich, wie sie kippten und sanken!

Der See nahm sich das Trampolin zu Herzen. Als das geschah, war ich das Ufer gewesen. Ich schwöre, der See war ich nie! Was sollte ich tun? Ich wurde Grund und wühlte mich hinein. Dann schnellte ich zurück, ja beinah wie ein Trampolin, und spuckte die beiden in hohem Bogen auf die Promenade.

Der See kam zu sich, lief wieder in mir zusammen. Nur das Schilf, sonst nichts, bewegte sich. Der Himmel ruhte darüber. Hier kommen sie zusammen: Zusammengebracht hat sie der Wind, der sich zwischen allen Liedern regt.

Er pfeift, er wirbelt, säuselt und klingt, ist heiter und grollt, und am Abend legt er sich und singt uns und alle andern in den Schlaf. Der eigensinnige Wind verbindet die Lieder entlang des Tagesverlaufs zu einer Suite, in der die Kinderwelt des Jahrhunderts Kontakt zu der unsrigen aufnimmt und zu einem rauschenden Fest einlädt.

Wilhelm Taubert , Monika Rinck: Man will man ohne ihre blitzschnelle Gegenwärtigkeit, ihr reges Zweifeln nicht mehr weiterlesen. Seit über zehn Jahren gehören Daniela Seels Gedichte zu den Geheimtipps der jüngeren Lyrik, die sie als Verlegerin mit bekannt gemacht hat.

Jetzt ist neben der Verlegerin endlich auch die Dichterin zu entdecken. Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment.

Die Verlegerin von kookbooks hat diesen Verlag nicht nur binnen weniger Jahre zur feinsten Adresse für deutsche Dichter gemacht, sondern erweist sich nun selbst als grandiose Lyrikerin.

Nie spürt man intellektuelle Überheblichkeit bei Daniela Seel, nein, nichts ist trocken hier, alles lebt, vibriert, erfüllt und fühlt sich richtig an, schwebt und ist geerdet zugleich. Seels eindringliche Sentenzen könnten zum Bannerzeichen dieser jungen Dichtergeneration werden, die sich nicht im Negieren des Vorgefundenen erschöpft.

Und schon sind es zwei. Und keiner, keiner ist mehr so wirklich alleine. Was meinen wir eigentlich, wenn wir Poesie sagen? Und wo findet das statt, wozwischen, woran? Ihre Sprechweisen sind brüchig, hybrid. Sie unterlaufen, was wir uns unter Gedichten vorstellen, von ihnen erwarten.

Über unkonventionelle Grammatik, verrenkte Bilder oder eine Interpunktion, die keiner Norm folgt, vielmehr eine mögliche Lesebewegung strukturiert. Und beim Stolpern geraten wir in Bewegung, werden als Leser zu Akteuren.

Weiss nicht, ob er ein Platz ist. So gesehen sind sie Waffen. Bücher sind Sammlungen für mich, was gesagt werden kann. Wo treffen sich Hirne. Ich muss das immer im Auge haben. Ich suche nach Klingeltönen. Ich möchte wahnsinnig werden. Und deshalb gibt es auch keine Zustimmung und keine Poesie, sondern nur Kompatibilität und Verneinung. Wenn wir nur unser Zerreissen anerkennen würden. Wenn du nur dein Zerreissen anerkennen würdest. Zu unserer Zeit ich explodiere vor Sympathie.

Und dann hat noch jemand ein Bild von mir gemacht. Aber ehrlich, ich habe keine. Weil das ganze Haus so voll war, der ganze Fahrstuhl, war, wir, wollten.

Ein körperlicher und willentlicher Prozess, der hauptsächlich mit Sog und Verlangen zu tun hat. Zu Schwester Paolina zweite Strophe: Ich fühle mich nicht glücklich, aber bin sehr an das Leben, das ich will, angeschlossen. Blauer Plastik Grüne Pflanze in grüner Vase. Das ist der Tisch. Steckst du in meinen Füssen. Rote Blüte unter blauem Plastikdach. In mir ein warmes Bett von Stücken. Brauner Schrank in weissem Fell. Sack aus der Katze. Ich grün in deinem Schatten.

Wissen was die Ecken der Verzweiflung wissen. Strand in einer Stadt wo keiner ist. Nirgends sprudelt Sand aus dir. Oben schwimmen Kisten wir. Das Klacken von Scheinwerfern. Ich zeig dir das Fleisch an den Waffeln. Etwas scheint nicht mehr zu stimmen.

Und was da aufblitzt, hat etwas Monströses. In der ironischen Melancholie dieses empathischen Lyrikers wird uns die Gegenwart frappierend erkennbar.

An manchen Texten lassen sich Jahresringe erahnen, sie scheinen stetig gewachsen zu sein. Oft gelangt er mit einer Strophe an jenen Punkt, fängt jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint und Zeitlosigkeit entstehen kann: In jedem in seiner Nüchternheit oft geheimnisvoll wirkenden Bilder ist das Gesamte aufgehoben, und das kommt einem nie wie ein forcierter Akt der Zersplitterung vor, sondern mehr wie eine natürliche Konzentration auf das Wesen des Gedichts.

Der russische Dichter Alexej Parschtschikow, geboren , lebte nach Stationen unter anderem in Moskau und Stanford seit Anfang der er Jahre in Deutschland, seit in Köln, wo er viel zu früh starb. Obwohl in Russland bereits ein Klassiker, ist er hierzulande noch immer nahezu unbekannt. Alexej Parschtschikow wird, zusammen mit Alexander Eremenko, Iwan Shdanow und Ilja Kutik, den sogenannten Metarealisten zugerechnet, der in den achtziger Jahren aufregendsten Gruppierung russischer Lyrik.

In seinen Gedichten spürt Alexej Parschtschikow inneren und visuellen Ähnlichkeiten nach, um immer wieder neue und wesenhafte Verbindungen zwischen Wörtern und Dingen zu entdecken bzw. Parschtschikow verbindet expressive und philosophische Traditionen mit reflektiert-konzeptuellen Ansätzen zu einer Dichtung der Zwischenräume: So entfalten die Gedichte, von Begeisterung getragen, aus einfachen Beobachtungen faszinierend Bild um Bild.

Alexej Parschtschikow , Hendrik Jackson: Jetzt ist eine Sammlung mit ausgewählten Gedichten von ihr im wunderbaren kookbooks Verlag erschienen, hervorragend übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von der Lyrikerin Uljana Wolf.

Sie wirken mitunter wie Leiterplatten, auf denen hunderte winzige Illustrationen liebevoll nebeneinander gelötet wurden. Algorithmische Digitalästhetik wird zu grafischer Poesie. Jedes neue Buch überrascht dabei mit ungesehenen Farbstrukturen und komplexen Motivkombinationen.

Das ist so überraschend anders als bisher und damit so unbedingt folgerichtig. Dort schwimmen so viele Meerjungfrauen und -männer, dass kein Platz für Fische ist. Ich sah ein Handtuch am Nagel hängen und stahl es ohne einen Hauch von Ironie. Hier ist meine Hypothese: Wir waren irreversibel im Arsch. Wir hatten alle Ingenieure gekillt, alle Komiker, just als wir Ideen und Juxe am nötigsten hatten. Das Lüftchen vom See war lächerlich, es lüpfte kein Blatt.

Als der Tag länger wurde, war klar: Wir waren die Allerletzten. Die Luftbrücke kam nicht zustande. Du warst nur eine Puppe, ich flog mutterseelenallein.

Ich dachte daran, wie Vögel mitten in der Luft umkehren können, wie Nacktschnecken nicht ahnen, dass sie kein Haus haben. Eine einzige Patrone war mir geblieben. Ich polierte meine Rollschuhe. Ich hüllte mich in meinen Quilt.

So lebt man also in der Präsenz. Gleich, wo man dieses Buch aufschlägt: Man muss nur das Buch kaufen. Auf diese Weise könnte dieses Buch möglicherweise in die Geschichte eingehen. Ein bissiger Über- [ Und der Mensch wurde aus dem Paradies vertrieben und im Kambrium kroch er aus dem Meer und machte sich die Welt untertan.

Und die Geschichte nahm ihren Lauf und es gab Kontinente und Dinosaurier und Säuger und Mammuts und Moschusochsen und wollige Nashörner und alles war in Bewegung und am Puls der Zeit und die einen kamen und die anderen gingen und Pangea zerbrach.

Wenn es nicht der allerschönste Tag unseres Lebens wird, haben wir uns nicht getroffen. So einfach ist das. Unterwegs verliert er seine Namen und ohne es zu wollen nimmt er Einfluss: Und Ben stellt fest: Alleinbleiben ist gar nicht so einfach. Annika Scheffels Romandebüt ist verspielt und existenziell, märchenhaft heutig und zeitlos schön. Ein sonderbares Buch ist das, in einem unglaublich schönen, frischen Ton Lapidar und knapp und kühl und märchenhaft So liest sich der Frühling.

Und das liegt nicht nur an der Sonne. Wer dieses ungewöhnliche, tricky gestaltete, kein bisschen posh daherkommende Buch erfahren hat, der will das auch, mit drinleben. Und dagegen hilft nur: Annika Scheffels Roman ist ebenso von überbordender Fabulier- wie Formulierungskunst geprägt. Mühelos und lustvoll verwebt sie literarische Genres miteinander, lässt sie die Geschichte zwischen Tragik und Slapstick tänzeln.

Allein die verschwenderische Fülle skurriler Nebenfiguren, deren Schicksale sie virtuos umeinander kreisen lässt, macht den Leser immer wieder staunen. Die Geschichte schlägt immer neue Haken, verblüfft mit aberwitzigen Wendungen. Die Autorin geht mit einem experimentellen Furor zu Werke, der Erzählkonventionen aufbricht und neu zusammensetzt.

Es mag sein, dass an manchen Stellen zu viel Kunstwollen aufblitzt, doch diese gelegentlichen Manierismen vermag die Debütantin mit Witz und Ironie auszugleichen. Der Abschnitt, in dem Ben bzw. Und so ertappt sich der Leser dabei, wie er trotz Schmunzelns und Lachens mit den Charakteren dieses Buches mitfiebert, wie ihm jede einzelne Figur ans Herz wächst - vom Postboten, der seine mit einem Fischhändler durchgebrannte Frau sucht, über Bens besten Freund Tjorven, der im Dauerzwist mit Türschlössern lebt, bis hin zu Leas Mutter, die sich in Plastiktüten kleidet, seit ihr Mann damals beschloss, König hinter den Spiegeln zu werden.

Die vielleicht wundervollste Figur ist allerdings der Tod selbst, der in einem gelben Schlauchboot rudernd hofft, seinen traurigen Einsatz zu verpassen Ihm stehen ein paar der schönsten Auftritte in diesem an tragikomischen Begegnungen und absurden Dialogen reichen Buch zu. Auf einer Quest sind sie ja alle, und jeder hat unterwegs einen Menschen verloren als der Arzt Ben fragt, was ihm fehlt, sagt er: Der lapidare Aplomb ihres Erzählens, die schalkhafte Nonchalance dieser so zart versponnen, verspielten und doch unsentimentalen Poesie kühlen all das Prinzessinnenpathos und die Blutromantik immer wieder herunter.

Annika Scheffel tappt eben nicht in die Falle der Lebenslähmung, die sie schildert. Wer denkt, dass der Tod Zeit hat, jeden persönlich abzuholen? Wer wird denn hier von Wundern sprechen? Wer guckt noch um die Ecke, wenn man alles auf einen Blick und von oben ganz toll sehen kann? Wer macht sich die Mühe, irgendwo hinzufahren? Wer läuft weg, wenn ohnehin niemand was merkt? Wer fragt wen nach was und warum auch überhaupt? Ben berührt, ohne jemals kitschig zu sein - und wenn es im Literaturbetrieb gerecht zugeht, wird Ben eines der Bücher des Frühjahrs.

Von dort aus aber kann man ein leises Murren und die Frage vernehmen, um was es hier eigentlich gehe? Solchen Skeptikern ruft man am besten zu: Um was denn sonst? Und das kann Annika Scheffel ganz bezaubernd. Eine Form von eigensinniger Magie, die eine Wirklichkeit hervorzubringen vermag, die mit der Realität selten deckungsgleich ist.

Was festzustellen ja eigentlich eine Plattitüde ist. Passagen, in denen die in Hannover Geborene die Welt auseinandernimmt, um sie dann ganz neu, als poetischen Comicstrip einzurichten. Nicht selten ist das kitschig, dann wieder unheimlich gekonnt, skurril maniriert, lakonisch unterkühlt, dabei immer: So ist dieser erste Roman eine grandiose Zumutung. Die Sonne kann das nicht alleine schaffen. Da ist so eine Ahnung und vom Bürgersteig aus läuft er, so schnell er kann, zwischen den wartenden Autos hindurch auf die Insel zu.

Und da ist Lea. Ihn wird sie gleich treffen, und zwar zum ersten Mal. Lea fragt, ob sie helfen kann.

Es war angekündigt, es muss also geschehen. Er kann es nur aushalten, er sieht sie nicht an. Und dass es ihm wirklich gut geht, und dann sagt er noch, und das ist jetzt nur noch ein Flüstern: Ich würde gerne noch ein bisschen hier liegen bleiben, wenn das in Ordnung ist. Meinetwegen kannst du das natürlich tun, aber pass auf, hier fahren Autos, und zwar schnell, und es ist eigentlich auch noch zu kalt. Es ist sehr schwierig, sich durch das Gehupe hindurch zu verständigen.

Er mag das, was er von ihrer Stimme hört, es fällt ihm schwer, sie nicht anzusehen. Lea beobachtet, wie der Mensch, ungefähr in ihrem Alter, sich versteckt, und jetzt betrachtet er eine verfrühte Osterglocke. Er gefällt ihr ganz gut, vor allem weil er sie an niemanden erinnert, den sie kennt. Und der soll sich freuen.

Zum Tod Der macht, das darf nicht vergessen werden, auch nur seine Arbeit. Jedenfalls wendet er nun und der Kies knirscht. Er seufzt luftleer durch alle Rippen hindurch in das Gewand hinein. Er muss immer bereit sein, er ist immer unterwegs.

Oft grinst er, wenn etwas aufblitzt im Schädel. Es taucht eine Welt auf, für wenige Momente, vielleicht sind es Jahre, die Zeit misst er und er hat seine eigene Rechnung. Der Tod ist auf der Suche nach Anschluss an alles, was atmet.

Und darauf wollte er eigentlich hinaus. Ben betrachtet jetzt die Wolken. Es ist ihm bewusst, dass man ihn für irre halten könnte, wie er da so liegt, auf der Insel, auch Lea wird vermutlich denken, dass er spinnt. War das schon ein richtiges Treffen?

Liebe, sagt er versuchsweise und denkt: Ich mag alle Menschen. Irgendwie mag ich sie alle. Es gibt allerdings keine Person, die mir wirklich wichtig ist. Massen an Menschen hat es in seinem Leben bisher gegeben. Es gibt Menschen, mit denen er sich sehr gerne unterhält. Neutrale Menschen, könnte man sagen.

Gibt es neutrale Menschen? Für Ben gibt es sie und sie sind sehr beruhigend, weil er kein Drama auf sie zukommen sieht. Niemand darf ihnen zu nah rücken und irgendwann, das meint jedenfalls Ben, haben sie sich selbst irgendwo verloren und treiben durch Partys und Geschäfte und Kneipen und bleiben überall nur kurz.

Das ist spannend für ihn, denn bei solchen Menschen ist alles so durcheinander, dass es lange dauert, bis alles klar und deutlich erkennbar ist.

Ben ist eigentlich nur selten alleine, manchmal fühlt er sich einsam, aber so schlimm ist das nicht. Tja, denkt Ben in diesem Zusammenhang. Jetzt bald, jetzt bald, lieber Ben, wird sich das ändern für dich. Jetzt rollt er sich auf die Seite, stützt den Kopf auf die Hand und bohrt den Ellenbogen direkt neben der schwachen Osterglocke der Stadtverwaltung in die Erde. Ein Gedanke von Ben. Das Wissen in seinem Kopf benötigt eine Bezeichnung und diese scheint treffend.

Noch ist er nur zu ahnen. Schon morgen wird es noch wärmer. Das sagte der Wetterbericht. Aufdringlich und lockend wird es sein, und die Menschen, die werden schon am nächsten Tag mit einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht herumlaufen und sich verlieben. Drüben, wenn hier hier ist und dort dort und damit drüben, wird eine sehr kleine Frau zu einem in gewissen Situationen überaus nützlichen Gegenstand. Als der winzige Mann das sieht, bricht er in Tränen aus. Er muss bald kommen.

Wenn man es nur lang genug vor sich her spricht, klingt es sogar wie ein Wort, das man ersonnen, erdichtet, wenn nicht erlogen hat. Es ist Platzhalter für eine vergangene Zeitspanne genauso wie für eine erfundene Ära, die so nie stattfand. Ein Wort, das dazwischen fällt. Direkt in den Raum des Gedichts? Und auch wieder nicht. Nach den Diskotheken ist, wenn der Heimweg beginnt. Die Differenz zwischen zwei Punkten einer frühmorgens zurückgelegten Strecke genauso wie die jenige zwischen Anfangs- und Endzustand einer Verwandlung, und sei es die des eigenen Körpers in eine Hummel, einen Gepard, einen Schatten.

Das Dazwischen, seine nebulöse Qualität, für die es eine eigene Sprache braucht, ist stets von Belang. Die nicht unbedingt präsenten wie präsentablen Vorgänge auf dem Weg von A nach B, sie finden ihre Sprache in den Gedichten - oder besser: Die Gedichte sind diese Vorgänge selbst. Zwischenräume entstehen auch durch Bedeutungsverschiebungen - wenn Schwan oder Hupfdohle in Korrespondenz mit Wappenvögeln ganz anderer Art treten: Am Ende flüstern die Pfl anzen, und die Londoner Busse sind wieder pünktlich.

Und so gliedert sich der Gedichtband in Sinnabschnitte, die vom Tanz über das Denken zu verspielteren Themen führen: Es ist diese Vielfalt der poetischen Sprache wie der Themen und Anspielungen, die den Band zu einem literarischen Genuss machen, der keineswegs hermetisch ist.

Martina Hefter liefert mit diesem Band ein starkes Lyrikdebüt. Sie lotet die Ähnlichkeiten von Körper und Sprache, von Tanzen und Denken aus, lässt die Körper denken und das Sprechen tanzen und lässt im Sprechen über die Körper ein diffuses Wissen von etwas aufblitzen - der Welt womöglich -, das im nächsten Moment schon wieder davongekreiselt ist. Werden wir durchsichtig sein füreinander? Man spürt sich überall gegen den Abend. Daniel Falb zeigt damit eindrucksvoll, wie weltzugewandt experimentelles Schreiben sein und damit ins Herz des Sozialen und Politischen vordringen kann.

Die ordnet er zu brillanten Skulpturen und Stillleben. Gesellschaftsdiagnose, ein ebenso befremdeter wie lakonischer Ton, das Agieren von Figuren in beschädigten Leben, ein jegliches Pathos unterwandernde Ironie und Sarkasmus, die Symbiose von wissenschaftlich-technischen Begriffen, Alltags- und Umgangssprache, Sachlichkeit und unbändige Fantasie. Textmonaden überlassen uns der Wucht ihrer Wörter: Klanglich geschmeidige, inhaltlich oft hybride Sätze, die gängige Sprachmuster collagenartig miteinander verknüpfen und eine Flut von Bildszenen erzeugen.

Die Dichte der Texte ist eine Herausforderung an den Leser. Aber es gibt viel zu entdecken: Es geht um gesellschaftliche Muster, um sprachliche und soziale Konventionen und ihren beständigen Wandel. Falbs Bezüge sind wissenschaftliche, politische und philosophische Debatten, bildende Kunstwerke und literarische Texte, im Anhang findet man ein Verzeichnis der Quellen seiner Inspiration für die einzelnen Texte. Intertextualität ist kein Merkmal, sondern selbstverständliche Voraussetzung dieser doppelbödigen, nicht selten atemberaubenden Texte, die auch beim x-ten Lesen nichts von ihrer ursprünglichen Energie verlieren.

Er experimentiert an den Rändern dessen, was Lyrik vermag. Provokant testet er lyrische Verfahren, ohne neue Worte zu erfinden oder Metren zu bemühen, durch semantische Collagen und Kombination verschiedenster Diskursformen, durch permanente Cut-ups aktueller Slangs und sprachlicher Milieus: Fragen, Behauptungen und Aphorismen, die sich thematisch gegenseitig annähern, sich gekonnt ins Wort oder in die Arme fallen, wo ein einziger Gedanke zum Thema nicht genügen kann.

Falbs neue Gedichte verlangen viel und wagen Ungewöhnliches. Wer das mag, sollte sie unbedingt lesen. Das Erstaunlichste freilich ist: Hier liegt jedes Gedicht in zwei Fassungen vor, als Originalversion und als Version mit Untertiteln, die das Original nachhaltig verändern und seine Akteurinnen - Hollywood-Schauspielerinnen der 40er und 50er Jahre wie Barbara Stanwyck und Gene Tierney - jenseits stereotyper Ikonografien von Stardom und Weiblichkeit verorten.

Der erliegt man, weil sie zugleich klug und harmonisch, treffsicher und einfach schön ist. Dass das Thema bis in die kleinsten Sprachteile präzise und zugleich locker daherkommt, das ist das eigentlich Verblüffende. Die sprachspielerische Geste hat somit zugleich etwas eminent Politisches: Sie zieht in Zweifel, was wir wahrnehmen, und verzerrt den ersten Eindruck. Man kann sich darin spielend verheddern - oder innehalten und zweite Wahrheiten entdecken.

Dass sich die Sprach-Maschinerie manchmal verselbständigt, gehört zum Programm. Ihr Ansatz ist hochinteressant. Und manchmal blitzt sogar etwas auf, wovon man sich in Zukunft mehr wünschen würde: Monika Rincks neues Buch ist ein Doppelalbum: Da finden sich überseelische Totemtiere und Wesen, die ihre Strafe nicht verstehen, Beschwerniskatzen, Administratoren, höhnische Witterungen und die Dressur, die die Geräte dem Menschen auferlegen.

Was kann ich aus der Quitte machen? Einen Container für Verlassenheit, eine quietschende Quittung, einen Kometen ohne jede Strahlkraft, das jüngste Gericht, ich kann sie in den Weiher werfen und schauen, was passiert - oder: Ich kann dir auch ein Lied davon singen.

Denn die Welt ist ja da, wenn auch in heller Verwirrung. Klug und verspielt, ein originelles Geschenk. Lässt sich ein schöneres Bild denken für die Autorität ästhetischen Gelingens? Mit Volker Reiche eröffnet kookbooks eine neue Reihe jährlicher Sonderdrucke: Die Mäzenatengabe erscheint in einmaliger Auflage von nummerierten und signierten Exemplaren zum Preis von je Euro und wird von jährlich wechselnden Künstlern gestaltet.

Den farbigen Hochdruck im Format 25x36 cm besorgt V. Stomps-Preisträger Thomas Siemon von der edition carpe plumbum aus Leipzig. Mit dem Erwerb einer kookbooks-Mäzenatengabe unterstützen Sie uns in besonderer Weise - dafür möchten wir allen Mäzenen von Herzen danken!

Einen Tag vor ihrem Geburtstag gelingt es Karmiina, sich aus dem Kellerverlies zu befreien, in dem sie als Gefangene von Tischler Keränen, ihrem Vater, aufwachsen musste. Die durch einen Brunnensturz als Säugling halbseitig entstellte Karmiina erschlägt ihren Vater, schlägt den in plötzlicher Vorahnung herbeigeeilten Hauptwachtmeister Mielonen bewusstlos, stiehlt seine Uniform und macht sich mit Käfer Kaspar in der Tasche auf in die Stadt, zur Wohnung der verhassten Stiefmutter - die einzige Adresse, die sie kennt.

Hier siegt die Literatur über die Wirklichkeit, mit unschlagbarer Ironie betrachtet sie die Umwelt. Die Nacht ist hell, die Mücken singen wehmütig. Er schreitet entschlossen aus und wedelt die Insekten weg, doch eine Mücke findet zielsicher in seinen Mund. Hustend stolpert er auf die Sauna zu, lehnt sich an die graue Holzwand und verschnauft.

In der Luft liegt eine Ahnung, eine kühle Gewissheit darüber, dass etwas passieren wird, gleich. Der Mann fühlt sich allein, vollkommen allein. Er ist weit weg von allem, was er kennt, er hat fremdes Land betreten. Sein Hinterkopf explodiert, der Ziegelstein trifft hart und genau. Hauptwachtmeister Mielonen schlägt der Länge nach auf den Bauch. Ehe er fort ist, hat er einen kurzen Traum: Elina steht mit Blumen im Haar auf einer Wiese und lacht.

Lacht und reicht ihm zur Versöhnung die Hand. Sie hat ihm verziehen! Elina hat ihm verziehen. Karmiina steht im Hof und schaut auf ihr Opfer. Ihre gesunde Hand umklammert den Stein, die verkrüppelte hängt schlaff herunter. Beim Umkreisen des Mannes schleift ihr rechtes Bein hinterher. Wie ein meterlanger Holzscheit hängt es an ihrem Rumpf. Unruhig beugt sie sich vor, hält den Ziegelstein wurf bereit.

Steht der Mann wieder auf? Unter seinem schütteren Haar schimmert eine frische Wunde, der soeben erwachte Morgenwind bläst durch den graumelierten Flaum. Er liegt auf dem Gesicht und rührt sich nicht. Karmiina kaut gerade ausgiebig auf ihrer Unterlippe, als ein Röcheln ertönt. Sie lässt den Ziegel fallen, packt den schweren Körper und dreht ihn auf den Rücken.

Die Brust des Mannes hebt und senkt sich. Die Wunde am Kopf hat aufgehört zu bluten, der Mann beginnt zu schnarchen. Das Mädchen neigt den Kopf und verscheucht eine Mücke von ihrem Ohr. Mit einem Schlag wird ihr bewusst: Vor ihr weitet sich die Landschaft, die Morgendämmerung ist irritierend hell. Wohin man auch sieht, überall weiter Raum. Pflanzen und Tiere locken von nah und fern: Hinter dem Teich ruft träge der Polartaucher, auf dem bewaldeten Hügel singt der Kuckuck, im Schilf springt laut der Hecht, und auf der kaputten Regenrinne schnarrt der Star sein Tschi-tschiprrr.

Kiefernblattwespen sirren in unheilbringenden Hundertschaften umher, dicke grüne Larven zerkleinern Erlenblätter, dass die Spucke nur so spritzt. Ein leuchtender Marienkäfer müht sich einen Grashalm hinauf, und selbst seine winzigen Schritte sind deutlich zu hören. Die Geräusche steigern sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm.

Karmiina ist, als flute die ganze Welt über sie hinweg. Ihr gesundes Bein wankt, das Knie zittert. Am liebsten würde sie sich neben den schlafenden Mann auf die Erde fallen lassen.

Als Karmiina dann noch das Glitzern des Teiches sieht, muss sie tief Luft holen. Summt das Wiegenlied, das sie sich jeden Abend vorsingt. Auch jetzt senkt sich der schützende Schatten der Mutter herab. Als würde sie die alten Klänge mitsummen und ihr Kind beruhigen. Ja, Mutter und Schwester winken ihr vom Himmel zu und lächeln ermutigend.

Karmiina öffnet das Auge wieder. Klingen aus Licht dringen in ihre Netzhaut, der Schmerz breitet sich im ganzen Kopf aus. Über ihr steht ein blauer Himmel.

Karmiina legt sich auf den Bauch und wälzt sich. Die Halme kitzeln und schmecken nicht übel. Sie bohrt ihre fünf gesunden Finger in die feuchte Erde, krallt sie zusammen und spürt einzelne Sandkörner unter ihren Nagelrändern entlangschmirgeln. Sie saugt den Geruch ein, knabbert am Gras und dreht sich auf den Rücken. Der Himmel wird immer noch heller. Hausschwalben ziehen über sie hinweg, bringen ihren Jungen das Fliegen bei. Auch Karmiina drängt es, sich aufzuschwingen und die ganze Welt im Blick zu haben.

Jetzt, wo ihr Auge sich ans Licht gewöhnt hat, will sie mehr sehen. Sie steht auf und geht auf die Kiefer mitten im Hof zu. Aus ihrer Rinde trieft Harz, das an den Fingern klebt und glänzt. Karmiina formt zwei kleine Klumpen, die sie in ihre Ohren schiebt. Sie hört alles leicht gedämpft. Mit der gesunden Hand schnappt sie die Seife und scheuert den alten Schmutz von Wangen und Hals und lässt auch die Stelle hinter den Ohren nicht aus.

Zentimeter für Zentimeter schrubbt sie sich sauber, und wieder steigt ein neuer Geruch in ihre Nase: Sie beugt sich vor und tunkt den Kopf in den Holzzuber. Mit einem Ruck schleudert sie ihren Oberkörper nach hinten und spritzt einen glitzernden Wasserbogen in die Luft. Ein Handtuch hängt zum Abtrocknen bereit; dem Monogramm nach gehört es einem der Tischlerskinder.

Mit noch feuchter Haut geht Karmiina durch den Saunavorraum und steigt in den Keller. Sie bückt sich, fingert aus einem Wandspalt eine Streichholzschachtel und ein Bild hervor. Sie betrachtet es eine Weile und faltet das Papier dann sorgsam zusammen. Mit dem Bild und der Schachtel in der Hand hinkt sie hinaus. Der Mann mit den schwarzen Stiefeln schläft tief und fest.

Ab und zu wimmert er und zuckt wie ein träumender Welpe. Karmiina hockt sich neben ihn und zieht ihm mit vorsichtigen Bewegungen die Kleidung vom Leib. Mag die Hose auch aus steifem, dunkelblauem Uniformstoff sein - im Vergleich zur Jute fühlt sie sich an wie Seide. Karmiina schnallt den breiten Ledergürtel ins letzte Loch und schlägt die Hosenbeine um. Das Hemd knöpft sie bis oben zu; die Narben an ihrem Oberkörper verschwinden vollständig unter dem hellblauen Stoff.

Die Ärmel krempelt sie bis zu den Ellenbogen hoch. Die Wandfarbe löst sich, die Fenster sind schwarz vor Staub. Karmiina wendet ihren Blick ab. Dort, im Schatten eines knorrigen Ahorns, ist der Brunnen. Ihr Herz setzt einmal aus.

Sie hebt den hölzernen Deckel und wirft einen Stein hinein; das Plumpsen ist erst Sekunden später zu hören. Dröhnend hallt das Geräusch von den Steinwänden wider und verstärkt den Druck in ihrer Brust. Sie will weg von diesem Hof, weg von der muffigen alten Sauna, dem morschen Haus und dem modrigen Schicksalsbrunnen. Bisher hat sie immer nur darüber nachgedacht, wie sie aus dem Kellerloch herauskommen könnte.

Wie es sich anfühlen würde, zum ersten Mal über die Schwelle zu treten. Weiter als bis zur Schwelle hat sie nie gedacht. Karmiina hat den Geschichten vom Fensterspalt aus zugehört: Angeblich ist in der Stadt alles besser. Stiefmutter musste sie sie nennen - und Karmiina war nie mehr als das Stiefkind. Nach einer der vielen lauten Auseinandersetzungen mit Keränen ist sie zusammen mit den leiblichen Kindern in die Stadt gezogen. Ihre richtige Mutter wohnt im Himmel bei den Engeln. Die Frau von Keränen dagegen würde eher ins Höllenfeuer passen.

Auf einen Besuch von Karmiina ist sie garantiert nicht gefasst. Wie die Alte wohl auf eine kleine Überraschung reagiert? Sie will Messer und Gabel benutzen wie die anderen auch. Karmiina wirft einen Blick auf den Schlafenden. Kurzentschlossen zieht sie ihm die schweren Stiefel aus und schlüpft selbst hinein; die Senkel schnürt sie mit einer Hand. Andächtig sieht sie an ihren Beinen hinunter, streichelt das feste Leder. Ihre ersten vernünftigen Schuhe, nach etlichen morschen Latschen aus Birkenrinde und verknoteten Drecklappen.

Vor ihr liegt die blaue Mütze, die der Mann verloren hat. Karmiina setzt sie auf und zieht den Schirm tief ins Gesicht; so ist die verunstaltete Seite nicht zu sehen, und gleichzeitig wird ihr Auge vor Licht geschützt. Im Gras liegt auch ein dunkler Gegenstand, den sie aus Zeitungsanzeigen kennt: Karmiina hebt es auf, drückt einen Knopf und erschrickt.

Sie drückt einen weiteren Knopf, und zum Vorschein kommt ein Telefonbuch. Noch eine kurze Kontrolle der Streichholzschachtel: Kaspar geht es gut, munter hebt er alle acht Beinchen und freut sich des Lebens. Karmiina gibt ihm eine Fliege zu essen und schiebt die Schachtel mit den Luftlöchern wieder zu.

So möchte ich, wenn ich die poetische Praxis hier überhaupt von der lebendigen abhebe, einfach nur sagen: Es wäre verfehlt, zu beklagen, dass unsere Anstrengungen der Wirklichkeit nicht gerecht werden, wir uns ihr bestenfalls annähern können, denn eigentlich betreiben wir die entgegengesetzte Bewegung, die Verlebendigung dieser Wirklichkeit im Gedicht.

Sie führen einem das Ungefügte der Welt vor Augen, nicht als eingehegtes, sondern als schillerndes Wort-Kaleidoskop: Nur so viel noch: Es finden sich auch sehr konkrete Verse in diesem Band. Auch hier geht es um Bewusstseinszustände, um Erfahrungen, die aber vom Textverfahren nicht abzuscheiden sind.

In Popps neuem Buch finden sich einige der schönsten Möglichkeiten, in deutscher Sprache dichterische Erfahrungen zu machen. Und wie dieses sind viele seiner Gedichte geprägt von raffiniert verschachtelten, verkeilten Bildern, die auch akustische und optische Wahrnehmungen miteinander verschränken.

Wichtig sind ihm Szenen, Momente, die er weniger zu fixieren als vielmehr zu finden trachtet. Dabei werden sie, mit einem beinahe unmerklichen Dreh, zu einer existenziellen Erfahrung, die in einer anderen als der eben gefundenen Formulierung nicht aufzuheben ist: Diese zeugt Welt und zeigt auf Welt, in immer neuen Anläufen und Konstellationen und jedes Mal wieder auf überraschende Weise. Hotelsituation, langes Liegen Herzhoheit, Neon und langsamer Umschlag dieser Waren - irgendwie nachdenken, irgendwie wach bleiben - wie das Milieu uns betört, in seinen Höhen und Tiefen der Abend ist voll von Sprache, aber die Wörter lahmen die Körper der Pflanzen regenerieren sich, hölzern und still, trojanische Pferde, liegen wir am Grund der Stadt so wach, in seinem Schlaf, unser geduldiges Fleisch kommuniziert mit den Flüssen.

Lass uns jetzt lange verreisen zu Wasser, zu Land und zu Luft, lass uns jetzt lange dieses Hotel nicht verlassen. Nie bei den Sternen, nie aufhören, in der Musik. Dein Puls, deine Haare fliegen. In Wiederholungen leben, ich sagte es noch mal, in der Balance etwas wie Fortpflanzung simulierten wir, schwankend, folgsame Homöostasen, unterm Plafond, nicht endender Himmel bis du ihn abrisst.

Farbwahrnehmung stellt somit den Präzedenzfall des zerteilten Subjekts zwischen Physis und Psyche dar. Indem wir ihren Eindruck auf unser Auge und Gehirn zurückführen, ist Farbexistenz ebenso wenig erläutert, wie die Annahme verkehrt sein muss, sie verdanke sich allein unserem Eindruck. Zum sichtbaren Licht haben wir keine Distanz, es herrscht kein Gegenüberverhältnis, sondern ein a priori bestehendes Kontaktverhältnis C. Farblose Dinge gibt es praktisch nicht, und es ist sogar fraglich, ob wir Dinge ohne Farbe überhaupt sähen, Farben ohne Dinge hingegen schon, etwa einen blauen Himmel.

Farben sind optische Leitbilder, mit denen wir uns der physischen Welt versichern und ihr Bedeutung verleihen. Er schreibt sich durch die Bilder und Empfindungen hindurch, die für ein bundesdeutsches Subjekt identitätsstiftend wurden. Anlass sind ihm dabei Werkreihen wie Gerhard Richters Bilderzyklus Oktober , die als Gedichte fluoreszieren chartreuse, atomic tangerine , Landschaftsepiphanien und Musik glacier, blue , Reiseerlebnisse und Drogentrips pink, green , das fragile Selbst petrol , wie es Nan Goldin fotografierte skin und Andy Warhol serialisierte velvet.

Vervollständigt und erweitert wird der Band durch epische Bildgedichte und Fotografien. Ihren poetisch polyglotten Gedichtband darf man guten Gewissens farbenprächtig nennen, ohne Schos originelles Schaffen in die Nähe jener Autoren zu rücken, deren Poeme in ihrem kurzlebigen Glanz an bunt verzierte Geburtstagstorten erinnern. Sounds in der Stadt sind allgegenwärtig. Sie bestimmen Räume, Situationen und Identitäten. Der vorliegende Band fasst Positionen von Künstlern, Architekten und Wissenschaftlern zusammen und bietet eine Grundlage, um den Architekturdiskurs um die flüchtige Dimension des Hörens zu erweitern.

They determine spaces and identities. For years, artists have been using city noises as a material to stage or to question urban space - new territory, however, for most architects and planners within the routines of functional planning rocedures. This volume presents various positions of architects, artists and theorists to expand the architectural discourse with the dimension of listening.

Doris Kleilein und Anne Kockelkorn: Wie klingen die Städte? Fluchtbereitschaft und Sprachvermögen Interview mit Jacob Kirkegaard: Was macht ein kleiner Wicht, dem es in seinem Wald zu eng wird? Er sucht sich ein reiselustiges Raschelblatt und fliegt mit ihm einmal um die ganze Welt. Melanie Laibl und Dorothee Schwab haben seine Abenteuer dokumentiert - in feinsinnigen Reimepisoden und überbordenden Bildern.

Liebste Reisegefährten sind ihm Kinder ab 3 Jahren. Schwab arbeitet etwa ein Bild ihres Emil ein, einem Chamäleon. Ob sich sonst noch eine Anspielung im Buch befindet, verraten die zwei österreichischen Kinderbuchmacherinnen nicht. Im Herbst ergibt sich die Gelegenheit: Ein Waldwicht sitzt auf einem Baum und baumelt mit den Beinen, er träumt einen verrückten Traum - ganz anders als die andern Kleinen. Anstatt zu Hause still zu sitzen, möcht' er rund um den Erdball flitzen. Wie stellt das einer an, der von Natur nicht fliegen kann?

Melanie Laibl , Dorothee Schwab: Nkaah kam aus dem Meer. Als es vom Regen genug hatte, befahl es den Steinen, sich zu einem Haus zu fügen. Aber Nkaah und ich haben einander wirklich gequert, uns vorgefunden. Schon am ersten Tag waren wir beide aufgesprungen, mit den Köpfen aneinandergeraten. Schmelzwasser floss von den Gletschern, die Bäuche der Berge hinab, alles nahm seinen Lauf. Wir warfen gern Steine, dann kam das Nass gestürzt, in leisen Bächen. In einem Haus wie dem Unsrigen stellt man keine weiteren Fragen.

Ob in die Hirne von Miniaturschafen oder in die Einsamkeit der Satelliten - Christian Hawkeys Gedichte entführen ihre Leser in Landschaften, die plastisch werden, indem sie das Offensichtliche auflösen: In ihren Falten entziehen sich Subjekte den Forderungen nach Identität oder Zugehörigkeit und bewahren eine Instabilität, die auch als ästhetische Antwort auf politische Zumutungen zu verstehen ist.

Christian Hawkey kann Sachen in Gedichten machen, die Normalsterblichen nicht gelängen. Die Fotos, auf denen die Gedichte basieren, stammen übrigens aus den wirtschaftswunderlichen 50er und 60er Jahren der alten Bundesrepublik. Erstaunlich, wie sehr sich die Nachgeborene Scho heraushält, wie kaum je ein Ich diese Gedichte bewohnt. Auch bei dem Teil der Arbeiterbewegung, der sich auf Marx beruft.

Paul Lafargue war mit Karl Marx eng befreundet. Er war nicht nur Schwiegersohn von Marx, sondern erhielt von diesem auch seine politische Schulung. Es war, als zerrisse ein Schleier vor meinen Augen; zum ersten Mal empfand ich klar die Logik der Weltgeschichte und konnte die dem Anschein nach so widerspruchsvollen Erscheinungen der Entwicklung der Gesellschaft und der Ideen auf ihre materiellen Ursachen zurückführen.

Ich war davon wie geblendet, und jahrelang blieb mir dieser Eindruck. Paul Lafargue wurde auf Kuba geboren. In Frankreich wurde er aus politischen Gründen vom Studium der Medizin ausgeschlossen. In London lernte er Karl Marx kennen und begeisterte sich für dessen Ideen. Paul Lafargue war politischer Organisator für die Internationale Arbeiterassoziation 1. Er kommt zwei Mal in den Knast.

Bernsteins Übersetzung weicht teilweise erheblich vom Original ab. Unsere Übersetzung basiert auf der Lafargue'schen Broschürenversion von Wo es uns korrekt erschien, haben wir, um uns die Arbeit zu erleichtern, die Übersetzung Bernsteins zu Hilfe genommen. Die Persönlichkeiten, die Lafargue erwähnt, sind für das Verständnis des Textes nicht unbedingt notwendig. Wir empfehlen, darüber hinweg zu lesen.

Eingeklammerte Zahlen kennzeichnen Anmerkungen von uns. Als die Bourgeoisie noch gegen den von der Kirche unterstützten Adel kämpfte, befürwortete sie freie Forschung und Atheismus, kaum aber hatte sie ihr Ziel erreicht, so änderte sie Ton und Haltung. Und heute sehen wir sie bemüht, ihre ökonomische und politische Herrschaft auf die Religion zu stützen.

Jahrhundert hatte sie fröhlich die Überlieferungen des Heidentums aufgegriffen und das Fleisch und dessen Leidenschaften, diese Greueln in den Augen des Christentums, verherrlicht; heute dagegen, gestopft mit Gütern und Genüssen, will sie von den Lehren ihrer Denker, der Rabelais und Diderot, nichts mehr wissen und predigt den Lohnarbeitern Enthaltsamkeit.

Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Fluch; ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu drücken, seine Freude und seine Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man pausenlos und gnadenlos Arbeit herausschindet.

Und das wird nur durch das freie Gegenspiel der Leidenschaften und die harmonische Entwicklung des menschlichen Körpers erreicht, denn, sagt Dr. Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verworfen hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht.

Ich, der ich weder Christ, noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einem menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen, welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren.

Man betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels und die Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum, Syphilis und das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche man mit ihm unsere elenden Maschinensklaven. Für den Spanier, in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist, ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei.

Christus lehrt in der Bergpredigt die Faulheit: Jehova, der bärtige und sauertöpfische Gott, gibt seinen Verehrern das erhabenste Beispiel idealer Faulheit: Welches sind dagegen die Rassen, denen die Arbeit ein organisches Bedürfnis ist?

Welches sind in unserer Gesellschaft die Klassen, welche die Arbeit um der Arbeit willen lieben? Hart und schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit. Im Jahre erschien in London eine anonyme Schrift: Sie erregte zu ihrer Zeit ein gewisses Aufsehen.

Diese Idee kann ihren Nutzen haben, wenn sie die Tapferkeit unserer Soldaten anspornt; aber je weniger die Manufakturarbeiter davon haben, desto besser für sie selbst und für den Staat. Arbeiter sollten sich nie für unabhängig von ihren Vorgesetzten halten.

Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen Armen sich bescheiden, sechs Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die sie heute in vier Tagen verdienen. So predigte man bereits hundert Jahre vor Guizot die Arbeit als einen Zügel für die edlen menschlichen Leidenschaften. Mai aus Osterode. Wie weit sind wir über dieses Ideal hinaus! Die modernen Werkstätten sind ideale Zuchthäuser geworden, in welche man die Arbeitermassen einsperrt, und in denen man nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Kinder zu zwölf- und vierzehnstündiger Zwangsarbeit verdammt!

Schande über das französische Proletariat! Und wenn die Leiden der Zwangsarbeit, die Foltern des Hungers, über das Proletariat hereingebrochen sind, zahlreicher als die Heuschrecken der Bibel: Dieselbe Arbeit, welche die Proletarier im Juni mit den Waffen in der Hand forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer Frauen trocken gelegt; diese Unglücklichen haben schwangere und stillende Frauen in die Bergwerke und Fabriken geschickt, wo sie sich schinden und die Nerven zerrütten; sie haben mit eigener Hand das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.

Schande über die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem Mundwerk, frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen unsere alten Märchen und Erzählungen berichten?

Wo sind die Übermütigen hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend, Leben säend, wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen gesunde und kräftige Kinder gebaren? Ein gesundes Vergnügen haben sie nie kennengelernt und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie eroberte.

Unser Jahrhundert wird das Jahrhundert der Arbeit genannt; tatsächlich ist es das Jahrhundert der Schmerzen, des Elends und der Verderbnis. Und doch haben die bürgerlichen Ökonomen und Philosophen, von dem peinlich konfusen Auguste Comte bis zum lächerlich klaren Leroy-Beaulieu, die bürgerlichen Schriftsteller, von dem scharlatanhaften romantischen Viktor Hugo bis zum naiv albernen Paul de Kock, samt und sonders ekelerregende Loblieder auf den Gott Fortschritt, den ältesten Sohn der Arbeit, angestimmt.

Sie durchwanderten vergangene Jahrhunderte, durchwühlten den Staub und das Elend des Feudalismus, um dessen Dunkelheit als Gegensatz neben die Freuden der Gegenwart zu stellen. Nun, wir wollen ihnen das Bild der proletarischen Genüsse im kapitalistischen Fortschrittsjahr zeigen, wie es von Einem von ihnen geschildert wird, dem Dr.

Aber bevor der Doktor das Bild des proletarischen Elends vor uns ausbreitet, wollen wir erst hören, wie ein elsässischer Manufakturist, Herr Th. Das war das goldene Zeitalter des Arbeiters. Indes, damals hatte die Industrie noch nicht die Welt mit ihren Baumwollstoffen überschwemmt und ihre Dollfus und Koechlin noch nicht zu Millionären gemacht. Zu tausenden liefen die Arbeiter dem Pfeifen der Maschine nach. Infolgedessen kommen sie übermüdet nach Hause und gehen morgens, noch ehe sie ordentlich ausgeschlafen haben, fort, um pünktlich zu sein, wenn die Fabrik geöffnet wird.

Jahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter bereits vor vollendetem zweiten Jahr stirbt Diese lange tägliche Qual ist es hauptsächlich, welche die Arbeiter in den Baumwollspinnereien entkräftet.

O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie! O grausige Geschenke ihres Götzen Fortschritt! Die Menschenfreunde nennen diejenigen, die, um sich auf die leichte Art zu bereichern, den Armen Arbeit geben, Wohltäter der Menschheit - es wäre besser, die Pest zu säen, die Brunnen zu vergiften, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung eine Fabrik zu errichten.

Führe die Fabrikarbeit ein, und adieu Freude, Gesundheit, Freiheit - adieu alles, was das Leben schön, was es wert macht, gelebt zu werden. Die Ökomomen werden nicht müde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit der Nationalreichtum wächst!

Und sein Schüler Cherbuliez setzt hinzu: Aber von ihrem eigenen Gekrächz betäubt und verwirrt, erwidern die Ökonomen: Arbeitet, arbeitet, um eures Wohlstandes willen! Arbeitet, arbeitet Tag und Nacht; indem ihr arbeitet, vermehrt ihr eure Leiden, und euer Elend enthebt uns der Aufgabe, euch gesetzlich zur Arbeit zu zwingen. Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein.

Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion. Stellt euren Arbeiterinnen die Vermögen zur Verfügung, die sie für euch an ihrem eigenen Leib abgedarbt haben.

Ihr seid Freunde des Handels? Fördert den Umsatz, hier habt ihr Verbraucher wie gerufen; gebt ihnen unbegrenzten Kredit. Eure Arbeiterinnen werden bezahlen, wie sie es können: Sie werden euch ins Paradies schicken, besser noch als eure wohlhabenden Pfaffen. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren.

Wenn die industriellen Krisen auf die Perioden der Überarbeit so notwendig folgen wie die Nacht dem Tag und erzwungene Arbeitslosigkeit bei grenzenlosem Elend nach sich ziehen, so bringen sie auch den unerbittlichen Bankrott mit sich.

Nach Hunderten von Millionen beziffert sich der Wert der zerstörten Waren; im vorigen Jahrhundert verbrannte man sie oder warf sie ins Wasser. Tausende junger, kräftiger Männer haben in den Kolonialkriegen des Jahrhunderts mit ihrem Blut das Meer gefärbt.

Die Finanziers wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen; so machen sie sich dann auf, bei jenen glücklichen Völkern, die sich noch Zigaretten rauchend in der Sonne räkeln, Eisenbahnen zu bauen, Fabriken zu errichten und den Fluch der Arbeit zu importieren. Und dieser französische Kapitalexport endet eines schönen Tages mit diplomatischen Verwicklungen: Bis hierher war meine Aufgabe leicht; ich hatte nur wirkliche, uns allen leider nur zu bekannte Übel zu schildern.

Nur Ärzte, Fachleute für Gesundheitsvorsorge und kommunistische Ökonomen können sie unternehmen. Es verkündet der Hahn euch den Morgen umsonst! Was für die Spitzenindustrie gilt, gilt mehr oder weniger für alle durch die moderne Mechanik umgestalteten Industrien. Was sehen wir aber? Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch seine Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, als wollte er mit den Maschinen wetteifern.

O törichte und mörderische Konkurrenz! Um der Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine freie Bahn zu verschaffen, haben die Proletarier die weisen Gesetze, welche die Arbeit der Handwerker der alten Zünfte beschränkten, abgeschafft, die Feiertage unterdrückt. Jordaens und die niederländische Schule haben sie uns auf ihren lebenslustigen Gemälden dargestellt. Erhabene Riesenmägen, was ist aus euch geworden? Wir sind durch und durch verzwergt und entartet. Da jedoch die Arbeiterklasse in ihrer Einfalt sich den Kopf hat verdrehen lassen und sich mit ihrem kindlichen Ungestüm blindlings in Arbeit und Enthaltsamkeit gestürzt hat, so sieht sich die Kapitalistenklasse zu erzwungener Faulheit und Üppigkeit, zur Unproduktivität und Überkonsum verurteilt.

Und wenn die Überarbeit des Proletariers seinen Körper abrackert und seine Nerven zerrüttet, so bringt sie dem Bourgeois nicht weniger Leiden. Die Enthaltsamkeit, zu welcher sich die produktive Klasse hat verurteilen lassen, macht es der Bourgeoisie zur Pflicht, sich der Überkonsumtion der zuviel verfertigten Produkte zu widmen. Zu Anfang der kapitalistischen Produktion, vor ein oder zwei Jahrhunderten, war der Bourgeois noch ein ordentlicher Mann mit vernünftigen und friedlichen Sitten: Heute gibt es keinen Sohn eines Emporkömmlings, der nicht glaubt, er müsse die Prostitution fördern und seinen Körper verquecksilbern, um der Schufterei, der sich die Arbeiter in den Quecksilberminen aussetzen, einen Sinn zu geben.

Bei diesem Geschäft geht der Körper schnell zugrunde, die Haare fallen aus, das Zahnfleisch geht zurück, der Rumpf deformiert, der Bauch schwillt an, die Brust wird asthmatisch, die Bewegungen werden schwerfälliger, die Gelenke steif, die Glieder gichtig.

Die Frauen von Welt führen ein Märtyrerleben. Um die feenhaften Garderoben, bei deren Herstellung sich die Schneiderinnen zugrunde richten, zu probieren und zur Geltung zu bringen, schlüpfen sie von morgens bis abends von einer Robe in die andere; stundenlang liefern sie ihren hohlen Kopf Haarkünstlern aus, die um jeden Preis ihre Leidenschaft für die Aufschichtung falscher Haare befriedigen wollen.